Gedanken nach einem Praxisnachmittag.

Ich mache meinen Job wirklich gerne. Ich habe ihn mir ausgesucht und hart erarbeitet. Ich gehe mit einem guten Gefühl in die Praxis und wieder hinaus. Ich absolviere ca. 300h Fortbildungsstunden pro Jahr, die ich selber zahle – weil mir das meine PatientInnen wert sind und Leben Entwicklung ist.

Es gibt wahrscheinlich eine Anzahl von Menschen, denen durch meine oder die Anderer kleinen chiropraktischen Anschuber eine Menge zusätzlicher Lebensqualität gegeben wurden. Ob das nun nur den Moment erträglicher macht oder dauerhaftere Früchte trägt, ist dabei sekundär. 

Trotzdem gibt es manchmal Tage wie diesen, an denen ich mit Bauchschmerzen, aufgewühlt und zornig nach Hause fahre. Wie ist es möglich, dass in einem reichen Land wie unserem Menschen mit schweren orthopädischen und neurologischen Symptomen von den Hauptakteuren im Gesundheitssystem nicht wahr- oder ernstgenommen werden? 

Ich erlebe Menschen, die schwere akute Beeinträchtigungen haben, bei denen einem die Diagnose schon ins Gesicht schreit und die dringender ärztlicher Hilfe mit Diagnostik und Therapie benötigen. Nächstmöglicher Termin in 5 Wochen, 10 Wochen insgesamt nach Auftreten sehr eindeutiger Initialsymptome. 

Menschen mit ungewöhnlichen und schweren Krankheitsverläufen, die sich nicht bessern. Naja, ungewöhnlich, aber nützt ja nix.

Menschen, die in der Reha behandelt werden, im Zustand dabei schlechter werden und bei denen im Entlassungsgespräch das erste Mal auf die mitgebrachten Unterlagen geschaut wird. Um dann festzustellen, dass die Behandlungsstrategie unangemessen war – das mit den Krücken hört sicher bald wieder auf.

Menschen, deren Arbeitsbedingungen sie dermaßen fertig machen, dass sie massiv orthopädisch-neurologisch auffällig werden. Reiss dich zusammen.

Menschen, mit denen niemand über Befunde spricht. Die nicht beraten werden. Die Glück haben, wenn sich mal jemand herablässt und ihre Bilder oder Unterlagen anschaut. Anfassen, untersuchen, Labor oberhalb vom großen Blutbild, Bildgebung; MRT womöglich? Nix. Vielleicht nächstes Quartal. Ohne Scheiß, pardon my french.

Menschen, die mit ihren Schmerzen und ihrer Angst alleine gelassen werden. Die dann heulend vor mir sitzen und nicht mehr weiter wissen.

Mittlerweile rufe ich für meine Patienten in Praxen an, um mit dem nötigen Fachvokabular Termine zu beschaffen, die näher liegen als die magischen 8 Wochen in der Zukunft. Oder sollte ich sagen: Audienzen? Das soll 2018 sein? 

WTF? Es sollte jeden nachdenklich stimmen, dass dies Eindrücke eines Nachmittages aus einer heilpraktisch grundierten Praxis sind. Freuen sie sich auf die eines beliebigen Tages der Pflege oder der Physiotherapie.

Und nun die eigentliche Preisfrage: was haben diese Menschen gemeinsam? Bingo. Sie sind ausnahmslos gesetzlich krankenversichert. Ich kann mittlerweile gut verstehen, warum so viele Menschen direkt in die Notaufnahme gehen – auch wenn das wenig besser macht. Der Reflex der Neidgesellschaft, die ihre Kliniken schon vom teuren Personal befreit hat und Arbeitsbedingungen aus dem 19. Jahrhundert betoniert: Notaufnahmen mit Eintritt versehen. Lustiger Nebeneffekt: so hält man wenigstens die ganz Armen fort. 

Was wird stattdessen (und auf unterirdischstem Niveau) thematisiert? Das große alte Problem, die wahre Nemesis, der Gottseibeiuns der Gesundheitsversorgung: Homöopathie an Volkshochschulen. Nebelkerzen eines zutiefst kranken Systems.

Bitte bleiben sie gesund.

P.S.: Sie finden diesen Beitrag unprofessionell? Ich finde Bedingungen unhuman.